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Vorfahrt für die Klimawoche – Rund ums E-Auto

Ein Erfahrungsbericht

Holger Gies, Assistent der Geschäftsführung bei den Stadtwerken Schwerte, hat sich für 5 Tage freiwillig als Testfahrer für einen E-Golf gemeldet. Dieses Fahrzeug haben die Stadtwerke für 9 Monate geleast, um den E-Mittelklassewagen auszuprobieren. Den Erfahrungsbericht von Holger Gies lesen Sie hier:

Mein E-Mobilität Tagebuch

Mittwoch
Heute ist der neue E-Golf bei den Stadtwerken angekommen, in weiß mit allem Schnick-Schnack.
Hier einige Eckdaten:
VW Golf VII, 4-türig, 85 KW, 115 PS, Elektromotor mit stufenlosem Getriebe, serienmäßig gehobene Ausstattung.
Der Plan: Für rund 9 Monate werden wir den VW E-Golf bei den Stadtwerken im täglichen Betrieb einsetzen. Und ich darf den Anfang machen: 5 Tage Probefahren im normalen Leben. Ich starte dann mal: Von außen ist der E-Golf kaum von einem “normalen” VW Golf zu unterscheiden. Nur kleine Signets am vorderen Kotflügel, blaue Designelemente an der Karosserie und der fehlende “Auspuff” zeigen, hier steht der E-Golf vor mir. Auf den ersten Blick sind auch im Innenraum keine Unterschiede zum klassischen Golf zu erkennen. Also erst einmal reingesetzt und umgeschaut. Alles an seinem gewohnten Platz, sogar ein klassischer Zündschlüssel ist erforderlich. Bei einem Trendsetter hätte ich doch ein schlüsselloses Zugangssystem und einen Startknopf serienmäßig erwartet. Zündschlüssel gedreht, das „Mäusekino” geht an. Allerlei Informationen im zentralen Display und auf dem 8 Zoll Display in der Mittelkonsole. Hier kann man sich über den Lastfluss, meint die Energieentnahme aus dem Akku oder Energierückgewinnung über Rekuperation, informieren, Fahrprofile von normal bis Eco+ oder einfach das Radio, Telefon, Navi und andere Medien einstellen. Die Anzeige, die mich am meisten interessiert, ist die der aktuellen Reichweite. Unser E-Golf wurde mit einer verbleibenden Reichweite von rund 60 km ausgeliefert. „Kurz“ noch einmal bei den Stadtwerken laden (ca. 2 Stunden) und die Reichweite steigt auf 82 km. Damit sollte ich den Heimweg, knapp 25 km, doch locker schaffen.
Voller Vorfreude setze ich mich am späten Nachmittag in den E-Golf, um nach Hause zu fahren. Also, „Zündung an“ und dann – nichts – ich meine, nichts zu hören oder zu spüren. Hier muss ich mich schon ein wenig überwinden um das Gas-, pardon Strompedal zu drücken. Toller Anzug, ganz ohne Schaltunterbrechungen prescht der E-Golf voran. Jetzt aber mal langsam und immer schön den Tacho im Auge behalten. In der Stadt macht der E-Golf viel Spaß. Keine Kupplung beim Anfahren und Bremsen mit der Energierückgewinnung, so komme ich äußerst komfortabel durch die Innenstadt von Schwerte. Ich lasse die Stadt hinter mir und fahre über Land. Einfach nur „Cruisen“ oder mal zügig Überholen, alles kein Problem. Kurzer Stopp am Baumarkt, wow, der Kofferraum hat ja fast die Größe eines „normalen“ Golfs. Die Tiefe wird ein wenig durch die Akkus und den erhöhten Ladeboden eingeschränkt. Zuhause stelle ich fest, dass die Reichweitenanzeige doch sehr optimistisch ist. Ich denke heimlich: Stromfresser. Für den nächsten Tag nehme ich mir vor, den E-Golf unter meinen normalen Fahrbedingungen zu testen. Also noch schnell den E-Golf ans Stromnetz anschließen und ein wenig nachladen. Doch halt, so schnell geht es dann doch nicht. Der E-Golf steht auf einem privaten Einstellplatz vor unserem Haus. Ich muss erst einmal eine Verlängerungsschnur vom Gartenhaus zu dem Stellplatz legen. Dann das etwas sperrige Ladekabel zum einem mit dem Netz, zum anderen mit dem Auto verbinden. Nun liegen die Kabel ungeschützt auf dem Einstellplatz, sicher ist was anderes. Meiner Meinung nach sollte wenigstens ein Carport, besser noch eine Garage mit entsprechender Ladeinfrastruktur vorhanden sein. Zum Glück hat es nicht geregnet. Da ich mir ein wenig unsicher bin, breche ich die Ladung nach ca. drei Stunden ab. Rund 6 kWh sollten so in den Akku geflossen sein.

Donnerstag
Es ist 6:40 Uhr, dunkel und ganz schön kalt. Nachdem ich die Scheiben frei gekratzt habe, natürlich ohne das Auto laufen zu lassen, mache ich es mir im E-Golf bequem. Licht auf Automatik – durch Matrix-LED schön hell –, Klimaanlage, Sitzheizung und Radio angeschaltet. Hoppla, da geht die Reichweite doch unmittelbar um einiges zurück. Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich durch die Stadt, über Landstraße und Autobahn. So langsam wird es schön warm im E-Golf, ich genieße das starke Drehmoment des E-Motors und freue mich über Komfort und die gute Verarbeitungsqualität. Auch hier kann ich keinen Nachteil gegenüber einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor feststellen. Nachdem ich bei den Stadtwerken angekommen bin, schaue ich auf die verbleibende Reichweite. Die hat sich einfach mal halbiert. Rund 80 km sollte der E-Golf schaffen, bei knapp 40 km Reichweite bin ich gelandet und das bei rund 25 km Fahrstrecke. Während der Arbeitszeit lädt der E-Golf bei den Stadtwerken. Auf dem Rückweg werde ich mein Fahrverhalten nicht ändern. Für morgen nehme ich mir den „Schongang" vor.

Freitag
Wieder ist es früher Morgen, wieder ist es dunkel und kalt. Heute werde ich möglichst wenig elektrische Verbraucher im Fahrzeug einschalten und das vom Fahrzeughersteller empfohlene Eco-Fahrprogramm nutzen. Mal sehen, wie sich das dann auf den Energieverbrauch auswirkt. Also, die Reichweite hat sich gegenüber dem Vortag, bei durchaus vergleichbaren äußeren Bedingungen, um 25 Prozent weniger verringert (anstelle von 40 km Reichweitenverlust „nur“ noch 30 km), d.h. im Umkehrschluss, die Reichweite hängt maßgeblich von den Komfort- und Fahransprüchen des Fahrers ab. Des Weiteren ist mir nicht klar, wie ich die angegebene vom Fahrzeug berechnete Reichweite denn überhaupt erreichen kann. Außerdem macht es keinen Spaß bei Minusgraden – das Fahrzeug heizt sich kein bisschen auf – verständlich, wenn keine Abwärme aus dem Verbrennungsmotor da ist. Nachdem ich gestern an der Ladesäule der SWS vor dem Rathaus nicht tanken konnte, (Fehlermeldung: Am Stecker liegt keine Spannung an), war ich heute mit einem Experten vor Ort. Die Ladung über 230 Volt ist möglich, die Ladung über den Typ 2 Stecker (Ladung mit einer höheren Leistung) funktioniert nicht. Da scheint die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Ladesäule ein Problem zu haben. An der Lösung wird in Zusammenarbeit mit dem Hersteller der Ladesäule gearbeitet.
Auf dem Nachhauseweg schon mal die Getränke für das Wochenende kaufen. Passt alles rein, voll alltagstauglich. Jetzt fällt mir erst einmal auf, wie wenig die Elektromobilität bisher Einzug in den Alltag genommen hat. Keine Lademöglichkeit weit und breit. Nun kann ich die Henne-Ei-Diskussion bezüglich der Elektromobilität verstehen. Zuhause improvisiere ich erneut meine persönliche Ladeinfrastruktur. Also, Kabeltrommel ausrollen, Ladekabel an beiden Seiten anschließen, los geht’s. Auf lange Sicht macht dieser Aufwand keinen Spaß. Meiner Meinung nach sollte der potenzielle E-Automobilist wenigstens mit einem privaten Stellplatz, am besten überdacht und mit einer intelligenten Wand-Ladestation (Wallbox) inkl. Ladekabel ausgestattet sein, getreu dem Motto: Parken, Einstöpseln, volle Ladung.

Samstag
Heute bleibt das Auto stehen. „Brötchen holen“ geht auch zu Fuß.

Sonntag
Nun steht der große Familientest an. Was kann der E-Golf leisten, wenn er mit vier Personen besetzt ist. Auf in die Konditorei zum Sonntagnachmittags-Kaffee. Schnell zeigt sich, dass sich der E-Golf von der erhöhten Beladung nicht einschüchtern lässt. Von mir wurden keine Reichweiteneinschränkungen wahrgenommen. Anekdote am Rande: Kurz vor dem Parkplatz der Konditorei mussten wir eine einspurige Straße passieren, die gleichzeitig von Fußgängern benutzt wird. Wie es sich nun mal gehört, flanieren am Sonntag eben auch die Bürgerinnen und Bürger durch die Innenstadt. Vor mir liefen drei ältere Damen, die sich angeregt miteinander unterhielten. Anscheinend hatten sie mich nicht gehört, denn die „Straßenblockade“ ging fröhlich weiter. Mein erster Gedanke, kurz hupen und dann durch. Ein Seitenblick zu meiner Frau, besser nicht. Nach einigem Warten, gefühlt waren es endlose Minuten, habe ich die Seitenscheibe gesenkt und die Damen freundlich gegrüßt. Großes Erschrecken, so eine Frechheit, ein Auto auf der Straße. Mit einem Lächeln war die Situation schnell geklärt, der Weg war frei. Bei aller Heiterkeit denke ich, alle Verkehrsteilnehmer müssen umdenken und dürfen sich nicht mehr so sehr auf ihr Gehör verlassen. Torte und Kaffee waren vorzüglich, nun geht es wieder nach Hause.
Morgen habe ich die letzte Fahrt vor mir, doch ziehe ich heute schon einmal ein Resumée:
Positiv:
Mit dem E-Golf lässt es sich gut leben. Alltagstauglichkeit, Verarbeitung und Komfort liegen auf gewohnt gutem Golfniveau. VW hat hier einen wesentlichen Beitrag geleistet, um die Elektromobilität ein gutes Stück nach vorne zu bringen. Bei einem entsprechenden Nutzerprofil (Strecken unter 100 km täglich, vielseitige Lademöglichkeiten), kann der E-Golf eine echte Alternative zum Benzin-/Dieselangetriebenen Fahrzeugen werden. Der hohe Anschaffungspreis relativiert sich ein wenig, wenn man den E-Golf mit zum Beispiel einem gleich gut ausgestatteten Golf TDI vergleicht. Der Anschaffungspreis des E-Golf liegt „nur“ rund 10 Prozent über dem Golf TDI. Wirtschaftlich betrachtet, kann sich der E-Golf – aufgrund der geringeren Kosten für Treibstoff, Wartung und Abgaben – relativ schnell amortisieren.

Hier noch ein kleiner Treibstoffvergleich, bezogen auf die Werksangaben (jährliche Fahrleistung 15.000 km, aktuelle Preis für Diesel und Strom):

E-Golf (85 kW/115 PS) 0,127 kW/km * 15.000 km * 0,30 Euro 571,50 Euro/p.a.
Golf TDI (110kW/150 PS) 0,046 l/km * 15.000 km * 0,95 Euro 655,50 Euro/p.a.

In Bezug auf die Ökobilanz macht das Ganze natürlich nur Sinn, wenn das E-Fahrzeug ausschließlich mit Ökostrom betankt wird.
Negativ:
Die geringe und von Umwelteinflüssen abhängige Reichweite ist für mich aktuell der größte Nachteil. Sicherlich lässt sich durch Optimierungen im Nutzungsverhalten noch zusätzliche Reichweite generieren, aber unbekümmert einfach drauflosfahren geht (noch) nicht. Des Weiteren ist das „Auftanken“ bei fehlender Infrastruktur (nötig sind Stellplatz/ Carport/ Garage mit Wand-Ladestation und integriertem Ladekabel) einfach noch zu unpraktisch. Ladesäulen im öffentlichen Raum mit freien Wahlmöglichkeiten bei Tarifen und Anbietern müssen so schnell wie möglich realisiert werden.